Ja, Menschen landen nach einer Chat-Empfehlung in Shops und kaufen dort — nur ist die Basis deutlich kleiner, als die herumgereichten Prozentsprünge klingen. Belastbar gemessen ist das bisher nur für die USA: Der Traffic aus generativen KI-Diensten zu US-Shops stieg in der Weihnachtssaison 2025 um 693,4 Prozent gegenüber dem Vorjahr, für die Saison 2026 erwartet Adobe 130 Prozent Zuwachs. Adobe schreibt die Einschränkung selbst dazu — die Nutzerbasis bleibe gering. Und die eigentlich interessante Zahl ist eine ganz andere als die, die überall zitiert wird.
Was belegt ist, und für welches Land
Die belastbarste Quelle in diesem Feld ist Adobe Analytics. Grundlage sind über eine Billion Besuche auf US-Shopseiten, 100 Millionen Artikelnummern und 18 Produktkategorien; der veröffentlichte Zeitraum läuft vom 1. November bis 31. Dezember 2025, die Pressemitteilung datiert vom 7. Januar 2026.
Daraus kommen die Zahlen, die seit Monaten durch Fachartikel wandern:
| Wert | Zahl |
|---|---|
| Traffic zu US-Shops aus generativer KI, Saison 2025 | +693,4 Prozent gegenüber Vorjahr |
| davon am Cyber Monday | +670 Prozent |
| erwartet für die Saison 2026 (Prognose vom 28.09.2026) | +130 Prozent |
| Prognose Thanksgiving / Black Friday / Cyber Monday 2026 | +159 / +95 / +88 Prozent |
Am meisten genutzt wurden die Chat-Dienste bei Videospielen, Spielzeug, Haushaltsgeräten, Elektronik und Körperpflegeprodukten — also dort, wo man vor dem Kauf vergleicht, aber keine Beratung im Laden braucht.
Zwei Dinge gehören bei jeder dieser Zahlen mitgesagt. Erstens: Es sind US-Daten. Adobe misst US-Shopsysteme und befragt US-Verbraucher. Vergleichbare deutsche Werte gibt es nicht, und das ist keine Nachlässigkeit, sondern eine Messlücke — die meisten KI-Dienste senden keinen Referrer, ihre Klicks tauchen in der eigenen Analyse als „Direct” auf. Wie man sich dem trotzdem nähert, steht in unserem Artikel darüber, wie man in KI-Antworten vorkommt.
Zweitens: Die 130 Prozent für 2026 sind eine Prognose, keine Messung. Sie stammt aus Adobes Weihnachtsvorschau vom 28. September 2026 und wird erst im Januar gegen die Wirklichkeit geprüft.
Ein Prozentsprung von kleiner Basis ist kein Umbruch
693 Prozent Wachstum heißt rechnerisch: Aus einem Besuch werden knapp acht. Wie groß der Anteil hinterher ist, sagt die Zahl nicht — und genau das ist der Punkt, an dem die meisten Artikel zu diesem Thema stillschweigend übertreiben.
Adobe formuliert die Einschränkung in derselben Pressemitteilung, in der auch die 693,4 Prozent stehen: „While the base of users remains modest, the uptick shows the value AI can deliver as a shopping assistant.” (Adobe-Pressemitteilung vom 07.01.2026). Übersetzt: Die Nutzerbasis bleibt überschaubar, der Zuwachs zeigt trotzdem, was der Kanal leisten kann. Wer die Wachstumszahl ohne diesen Satz verwendet, argumentiert gegen die eigene Quelle.
Bemerkenswert ist deshalb weniger die Höhe als der Verlauf: von 693 Prozent im Vorjahr auf prognostizierte 130 Prozent. Das ist eine deutliche Verlangsamung der Wachstumsrate — und trotzdem mehr als eine Verdoppelung. Beides stimmt gleichzeitig, und beides gehört in eine ehrliche Einordnung.
Die belegbar wichtige Nachricht ist nicht der Traffic-Sprung, sondern die Umkehr beim Wert pro Besuch (Adobe, Quarterly AI Traffic Report): 2024 war Nicht-KI-Traffic in der US-Weihnachtssaison noch 51 Prozent mehr wert als KI-Traffic, 2025 war es umgekehrt — KI-Traffic lag 32 Prozent darüber. Eine Richtungsänderung sagt mehr als eine Wachstumsrate von kleiner Basis.
Die Zahl, die wirklich etwas verändert
Diese Werte stehen nicht in der Pressemitteilung vom 7. Januar, sondern in Adobes Quarterly AI Traffic Report, wiedergegeben in Marketing Dive vom 23.01.2026. Adobe hat dort für dieselbe Saison verglichen, was ein Besuch aus einer KI-Quelle wert ist, gemessen gegen Besuche aus allen anderen Quellen:
- Umsatz pro Besuch: 32 Prozent höher als bei Nicht-KI-Quellen. In der Saison 2024 war es umgekehrt, da lag Nicht-KI-Traffic 51 Prozent vorn.
- Conversion: über die Gesamtsaison 31 Prozent besser, an Thanksgiving 54 Prozent, am Black Friday 38 Prozent.
- Verhalten auf der Seite: 14 Prozent mehr Interaktion, 45 Prozent längere Verweildauer, 13 Prozent mehr Seiten pro Besuch.
Adobes eigene Deutung: Diese Besucher sind weiter in ihrer Recherche. Das ist plausibel und deckt sich mit dem, was man vom Verhalten erwarten würde — der Chat übernimmt einen Teil der Vorauswahl, und wer dann klickt, hat die Frage „überhaupt so etwas?” schon hinter sich. Als Einschätzung gekennzeichnet, nicht als Befund: Damit verschiebt sich die Arbeit auf der Zielseite. Ein Besucher, der die Kategorie schon verstanden hat, braucht keine Einführung, sondern Entscheidungsgründe — Lieferzeit, Rückgabe, Vergleich, Gründe gegen das Nachbarprodukt.
Aus der Verbraucherumfrage von Juli 2026 unter 5.000 US-Konsumenten kommt dazu ein zweiter Befund: 77 Prozent derjenigen, die KI beim Online-Einkauf genutzt haben, fühlen sich sicherer in ihrer Kaufentscheidung, 69 Prozent halten eine Rückgabe für unwahrscheinlicher. Das sind Selbstauskünfte, keine gemessenen Retourenquoten — aber es passt zum Bild des weiter fortgeschrittenen Besuchs.
Fünf Zahlen, die gerade kursieren und nicht halten
Weil dieses Feld neu ist und schnell zitiert wird, wandern mehrere Werte herum, die der Prüfung an der Primärquelle nicht standhalten. Wir haben sie einzeln nachgesehen:
- „+805 Prozent Traffic am Black Friday 2025” — in keiner Quelle auffindbar. Adobe nennt als einzigen Einzeltag den Cyber Monday mit 670 Prozent; für den Black Friday gibt es einen Conversion-Wert von 38 Prozent, keinen Traffic-Wert. Sehr wahrscheinlich eine Verwechslung der beiden.
- „Umsatz pro Besuch aus KI-Traffic: +254 Prozent” — in den Adobe-Veröffentlichungen, die wir gelesen haben, steht diese Zahl nicht. Wird sie als Vergleich mit anderen Kanälen zitiert, passt sie nicht zu dem Wert, den Adobe für diesen Vergleich nennt: 32 Prozent.
- „Rund 50 Millionen Shopping-Anfragen pro Tag in den USA” — die Größenordnung stimmt, der Zusatz nicht. In der Studie „How People Use ChatGPT” (NBER Working Paper 34255, September 2025) von Forschenden bei OpenAI und dem Harvard-Ökonomen David Deming betreffen 2,1 Prozent der ausgewerteten Nachrichten käufliche Produkte. OpenAI nannte im Juli 2025 gegenüber Axios über 2,5 Milliarden Anfragen pro Tag weltweit, davon rund 330 Millionen aus den USA. Nach eigener Überschlagsrechnung ergibt das grob 50 Millionen Shopping-Anfragen am Tag — weltweit.
- „44 Prozent wollten vor dem Black Friday gezielt KI zur Schnäppchensuche nutzen” — dafür ließ sich keine Primärquelle finden. Adobes eigene Umfrage nennt andere Werte.
- „KI hat über 20 Prozent des weltweiten Online-Handelsumsatzes beeinflusst” — plausibel, aber ungeprüft. Ohne Primärbeleg bleibt sie draußen.
Dasselbe Prinzip haben wir auf die neueren Meldungen angewandt: In der Fachpresse zur Prognose vom 28. September kursieren zwei weitere Werte — 43 Prozent mehr Umsatz pro Besuch und eine frühere Umkehr von 128 Prozent. Beide stehen nicht in Adobes eigener Mitteilung. Deshalb stehen sie auch nicht in diesem Artikel.
Die Nutzung verteilt sich sehr ungleich
„Der KI-Shopper” ist keine einheitliche Gruppe. Adobe hat die Verteilung innerhalb der USA im selben Quarterly AI Traffic Report aufgeschlüsselt (Marketing Dive vom 23.01.2026; Traffic-Anteile Stand September 2025, Umfrage November 2025), und die Unterschiede sind größer als die meisten Kanalvergleiche:
- Einkommensstarke Bundesstaaten stellten im September 2025 rund 52 Prozent des gesamten KI-Traffics, einkommensschwache 20 Prozent.
- In städtischen Gebieten haben 48 Prozent KI schon zum Einkaufen genutzt, im ländlichen Raum 27 Prozent.
- In den führenden Bundesstaaten haben 46 Prozent genutzt und 58 Prozent planen es; in den nachhängenden 39 beziehungsweise 49 Prozent.
Adobes Erklärung dafür ist nicht der Netzzugang, sondern Bekanntheit und Berührung mit der Technik. Für die Übertragung auf einen deutschen Shop heißt das vor allem eins: Wer aus diesen Zahlen eine Zielgruppe ableitet, leitet sie aus einem anderen Markt ab. Als Hinweis, in welche Richtung sich etwas bewegt, sind sie brauchbar. Als Planungsgrundlage für ein Budget nicht.
Was ein deutscher Shop damit machen kann
Drei Konsequenzen, die ohne deutsche Zahlen auskommen:
Messen statt schätzen. Die einzige Zahl, die für deinen Shop gilt, ist deine eigene. Weil die meisten KI-Dienste keinen Referrer senden, führt der Weg über Server-Logs und den Generative-AI-Bericht der Search Console statt über das Analyse-Dashboard. Das ist Aufwand, aber es ist die einzige Alternative zum Raten.
Erst organisch auffindbar sein, dann über Anzeigen nachdenken. Der mit Abstand stärkste belegte Faktor dafür, in einer KI-Antwort überhaupt vorzukommen, ist klassisches Ranking — und ein Teil der als „GEO” verkauften Maßnahmen hält einer Prüfung nicht stand. Was belegbar wirkt, haben wir in In KI-Antworten vorkommen auseinandergenommen.
Den Werbekanal als das behandeln, was er ist: eine Beta. Anzeigen in ChatGPT sind im DACH-Raum seit dem Sommer 2026 buchbar (Stand der Dokumentation 22.09.2026), als Karte mitten in der Antwort, gesteuert über beschreibende Kontexthinweise statt über Keywords. Wie das Format und das Konto funktionieren, steht in ChatGPT Ads schalten; womit man beim Budget rechnen muss, in Was kosten ChatGPT Ads. Der entscheidende Unterschied zu Meta oder Google ist nicht der Preis, sondern die fehlende Vergleichsbasis: OpenAI veröffentlicht keine Benchmarks, also ersetzt in den ersten Wochen eigene Messung den Erfahrungswert.
Die Datenlage trägt damit genau eine Aussage, und die ist ziemlich unspektakulär: Es ist ein echter, wachsender Kanal mit auffällig gutem Besuchswert und einer bisher kleinen Basis — kein Grund, Budget umzuschichten, und kein Grund, ihn zu ignorieren. Wer heute dafür sorgt, dass seine Produkte in der Antwort überhaupt auftauchen können, arbeitet an der Voraussetzung. Die Anzeigen sind der Teil, der sich später jederzeit dazuschalten lässt.
Quellen: Adobe-Pressemitteilung vom 07.01.2026 (Saison 2025) · Adobe-Pressemitteilung vom 28.09.2026 (Prognose 2026, Umfrage Juli 2026) · Marketing Dive vom 23.01.2026 (Adobe Quarterly AI Traffic Report) · Chatterji, Cunningham, Deming u. a.: How People Use ChatGPT, NBER Working Paper 34255, September 2025 · TechCrunch vom 21.07.2025 (2,5 Milliarden Anfragen, Angabe von OpenAI gegenüber Axios)
Häufige Fragen
Kaufen Menschen wirklich per KI-Chat?
Ja, messbar — aber von kleiner Basis aus. Adobe Analytics hat für die US-Weihnachtssaison 2025 einen Anstieg des Traffics von generativen KI-Diensten zu US-Shops um 693,4 Prozent gegenüber dem Vorjahr gemessen und schreibt im selben Absatz dazu, die Nutzerbasis bleibe gering („While the base of users remains modest", Adobe-Pressemitteilung vom 07.01.2026). Für die Saison 2026 prognostiziert Adobe 130 Prozent Zuwachs. Beides sind US-Zahlen.
Wie viele Shopping-Anfragen laufen über ChatGPT?
In der Studie „How People Use ChatGPT" (NBER Working Paper 34255, September 2025) von Forschenden bei OpenAI und dem Harvard-Ökonomen David Deming betreffen 2,1 Prozent der ausgewerteten ChatGPT-Nachrichten käufliche Produkte (Stichprobe Mai 2024 bis Juni 2025). OpenAI nannte im Juli 2025 gegenüber Axios über 2,5 Milliarden Anfragen pro Tag weltweit. Nach eigener Überschlagsrechnung aus beiden Werten sind das grob 50 Millionen Shopping-Anfragen am Tag — weltweit, nicht in den USA allein.
Gibt es deutsche Zahlen zum KI-Shopping?
Nein, keine belastbaren. Alle verfügbaren Messungen stammen aus den USA, weil sie auf US-Shopsystemen und US-Verbraucherumfragen beruhen. Dazu kommt ein technisches Problem: Die meisten KI-Dienste senden keinen Referrer, ihre Klicks erscheinen in der Analyse als „Direct". Wer deutsche KI-Shopping-Quoten nennt, schätzt.
Ist Traffic aus KI-Chats wertvoller als normaler Traffic?
In der US-Weihnachtssaison 2025 ja: Besuche aus KI-Quellen erzielten nach Adobes Quarterly AI Traffic Report, wiedergegeben in Marketing Dive vom 23.01.2026, 32 Prozent mehr Umsatz pro Besuch als Nicht-KI-Quellen und konvertierten 31 Prozent besser. Bemerkenswert ist die Richtungsänderung — in der Saison 2024 war Nicht-KI-Traffic noch 51 Prozent mehr wert. Ob das in Deutschland genauso ist, weiß niemand.
Lohnt sich ChatGPT Ads deswegen schon?
Das ist eine andere Frage als die nach dem Nutzerverhalten. Der Werbekanal ist im DACH-Raum seit dem Sommer 2026 als Beta buchbar (Stand der Dokumentation 22.09.2026), OpenAI veröffentlicht keine Vergleichszahlen, und Retargeting ist im EWR nicht möglich. Die ersten Wochen sind deshalb Messaufbau statt Erfahrungswert — was dabei anfällt, steht in unserem Artikel zu den Kosten von ChatGPT Ads.